Naturfreunde Dortmund-Kreuzviertel
Naturfreunde Dortmund-Kreuzviertel

Der Dannenröder Forst – mehr als der Widerstand gegen den Bau einer neuen Autobahn in Hessen.

Der Dannenröder Forst ist ein großer, rund 250 Jahre alter, gesunder Mischwald nahe Marburg in Hessen. Er verfügt über einen hohen Anteil an Buchen und Eichen.  Neben anderer schützenswerter Flora und Fauna, existiert dort eine Kolonie europaweit gesetzlich streng geschützter Kammmolche . Unter dem Forst liegt ein großer Grundwasserkörper, der auch als Wasserreservoir für das Rhein-Main-Gebiet dient und damit etwa 500.000 Menschen versorgt.

Für den Weiterbau der A 49 von Kassel nach Gießen sollen insgesamt 85 Hektar Waldfläche gerodet werden, 27 ha davon im Dannenröder Forst, eine Fläche so groß wie 34 Fußballfelder! Dafür ist  der Bundesminister für Verkehr, Andreas Scheuer von der CSU, verantwortlich. Der hessische Verkehrsminister, Tarek Al-Wazir von den Grünen, stellte sich, trotz offizieller Dementi, hinter die Rodung und dem Weiterbau der A49. Die Möglichkeit eines Moratoriums wurden von ihm nicht genutzt.

Seit einem guten Jahr waren Teile des Forstes von Umweltaktivist*innen besetzt, die sich für die Rettung des Waldes und für eine bundesweite Verkehrswende einsetzen. So existierten zu Beginn der Rodungssaison im Oktober 2020 circa 100 Baumhäuser und 400 Barrikaden unterschiedlicher Größe im Trassenbereich der geplanten A49.   

Schon am 04. Oktober hatte auch Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands, zum Widerstand gegen den Bau der A 49 durch den Dannenröder Wald aufgerufen. Der Vorstand der NaturFreunde-Ortsgruppe Dortmund Kreuzviertel entschloss sich noch vor dem Rodungsbeginn des Dannenröder Forsts, den Aktivist*innen Anfang November materielle Unterstützung in Form von Klettermaterial zukommen zu lassen. 1.500 Meter gebrauchtes Kletterseil wurden, neben anderem Klettermaterial, von einem Übungsleiter für Klettersport in den Forst gebracht und den Aktivist*innen übergeben.  

Seit dem 10. Oktober kämpften zeitweise rund 500 Aktivist*innen gewaltlos, mit Mitteln des zivilen Ungehorsams, verbissen um jedes Baumhaus und jeden Meter des Waldes. Letztlich mussten sie sich dem Druck von 2.000 Polizist*innen vor Ort beugen, die die Rodungsarbeiten erst möglich gemacht hatten. Am 08. Dezember wurde der letzte Baum mit dem „Baumhaus Oben“ nach 8 Wochen Widerstand gefällt.

Schon am Ende der ersten Räumungswoche, am 15.November, hatte es den ersten Schwerverletzten unter den Aktivist*innen gegeben. Ein Polizist hatte ein als sicherungsrelevant gekennzeichnetes Seil durchgeschnitten. Eine Aktivistin stürzte dabei ab und verletzte sich schwer.

»Ich habe kein Vertrauen mehr in diesen Staat, in diese Polizei,       in diese Rechtsprechung, wenn das hier rechtens sein soll. «

Ähnliche Vorfälle sollten sich in der Folgezeit wiederholen. Es kam täglich zu diversen Rechtsverstößen der Polizei, wie massive Gewalt gegen Aktivist*innen, kirchliche oder andere Beobachter*innen. Reporter*innen waren starken Einschränkungen ihrer Pressearbeit ausgesetzt. Auch wurden Aktivist*innen in Polizeigewahrsam offensichtlich gezielt traumatisiert. Die Rechtsverstöße der Polizei waren vielfältig und es schien erkennbar, dass diese zur Räumungsstrategie der Ordnungskräfte gehörten. 

Es ist viel über den Dannenröder Forst und seine Besetzer geschrieben worden. Vieles, vor allem die Auseinandersetzungen der Aktivist*innnen mit der Übermacht der Polizei, wurde nicht wahrheitsgemäß dargestellt, zum Nachteil der Aktivist*innen. Was unbeachtet geblieben ist, sind die alternativen Lebensformen, die unter den Aktivist*innen in ihrer Zeit im Wald entwickelt wurden.

»Die Freiheit, die wir hier erlebten, kann uns niemand mehr nehmen.«    

Ein wichtiges Prinzip des Widerstandes der Aktivist*innen im „Danni“ ist die Gewaltlosigkeit als Akt des zivilen Ungehorsams. Dabei nutzen die Aktivist*innen den Wald  und seine Bäume. In unterschiedlich gebauten Strukturen wie Tripods, Monopods, Seiltraversen, oder durch einfaches Klettern in Baumwipfel, verlangsamten sie den Räumungsprozess der Polizei, mit der Hoffnung eines Moratoriums gegen die Rodung. Leider vergebens.                                             

»Ziviler Ungehorsam bedeutet, bewusst Rechtsverstöße zu produzieren, damit eine Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht wird, dass großes Unrecht geschieht. «

Peter Grottian, Politikwissenschaftler.

Als ich das erste Mal die geplante A49 Traverse, mit den Barrios, den vielen Baum-häusern und Barrieren, mit dem Rad abfuhr, fielen mir die vielen Transparente mit antikapitalistischen Inhalten auf. Ich kannte dies schon aus dem Hambacher Wald.

Die meisten Aktivist*innen wollen mehr. Es geht ihnen auch und vor allem um einen gesellschaftlichen Systemwechsel. Die Auseinandersetzung um den Forst ist nur der Teil des Kampfes zur Überwindung eines zutiefst ungerechten und unmenschlichen Gesellschaftssystems, dem Kapitalismus. Das bestätigte sich auch in den Gesprächen, die ich mit Aktivist*innen führte.

Rückblickend bezieht man sich dabei auf Vorbilder aus der Geschichte des spanischen Anarcho-Syndikalismus der 30er Jahre, aber auch auf den jetzt schon gelebten Feldversuch der KurdInnen und anderer Ethnien in Rojava, einer Region im nordöstlichen Syrien.  Das „Modell Rojava“ soll eine demokratisch-ökologische Zivilgesellschaft durch die Abschaffung des Staates und aller Hierarchien vollziehen. Angestrebt wird der Aufbau einer Selbstverwaltung durch kommunale Basisorganisierung.

Im Gespräch mit den Aktivist*innen fiel auch immer wieder der Begriff des Commons. „Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte und Ressourcen unterschiedlicher Art“ (Wikipedia). Im Deutschen kann man den Begriff noch am ehesten mit „Gemeingüter“ übersetzen, wobei diese Übersetzung die Komplexität nicht ausreichend darstellt. „Man bezeichnet soziale Räume jenseits von Tausch, Arbeitszwang und Herrschaft Commons. In Commons leben Menschen nach Beitragen statt Tauschen und Besitz statt Eigentum, jenseits von Markt und Staat.“ (wikipedia.de: Commons)

So gibt es in Verbindung mit dem Bau der Barrios im Danni keine Eigentumsansprüche, weder für die Erbauer noch für die Bewohner, es ist Gemeinbesitz. Ein jeder ist willkommen. 

Die Aktivist*innen organisieren sich basisdemokratisch, ohne Hierarchien. Man gibt sich ein gemeinsam beschlossenes Regelwerk, an das sich alle halten. Dabei spielt die Freiwilligkeit eine große Rolle. Jeder bringt sich freiwillig mit seinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten ein. 

Wie erfolgreich dieses Modell des Zusammenlebens ist, erkennt man an den Widerstandsstrukturen, die von den Aktivist*innen aufgebaut wurden. Allein die 300 m lange Traverse über das Gleental (Foto oben), erfordert ein hohes Maß an Kreativität, Wissen und gemeinsamen Handeln. Spannmechanismen und Rücksicherungen solcher Traversen müssen professionell aufgebaut werden. 

Gleiches gilt für den Monopod (Foto oben), einem weit über den Wald herausragendes Konstrukt aus zwei übereinander gestellten Baumstämmen. Während die Polizei mit einem riesigen Fuhrpark an Spezialfahrzeugen und Kräften räumte, brachten die Aktivist*innen die Ordnungskräfte mit einfachsten Mitteln, viel Kreativität und Zusammenhalt an den Rand ihrer technischen Möglichkeiten zur Räumung des Forstes.

Natürlich hat jede Räumung eines Baumhauses mehr oder weniger Spuren bei ihren Bewohner*innen hinterlassen. Man stelle sich vor, zwei SEK-Polizist*innen nähern sich langsam, in einem Steigerkorb, dem zu räumenden Baumhaus. Seine Bewohner*innen wissen, dass das SEK nicht zimperlich ist. Elektroschockpistolen (Taser) und sogenannte „Schmerzgriffe“ wurden seitens der Beamt*innen häufig eingesetzt. Die Aktivist*innen wissen das. Auch, dass nach der Räumung ihr Zuhause und der wenige Besitz oft seitens der Polizei konfisziert, zerschlagen oder einfach weggeworfen wird, ist ihnen klar. Die Angst und somit der psychische Druck sind immens. Wie hält man das aus? In einem Interview beantwortet eine Aktivistin diese Frage.

»Du bist nicht allein! «

»Ihr könnt unsere Häuser zerstören, aber nicht die Kraft, die sie schuf«

Trotz der Unterstützung  von hunderten Aktivist*innen von „ Fridays for Future“, „Extinction Rebellion“, „Ende Gelände“ und anderen, konnte die abschließende Räumung nicht verhindert werden. Am 8. Dezember wurde die Rodung der Trasse durch das Großaufgebot der Polizei und der DEGES (Deutsche Einheit Fern-straßenplanungs-und bau GmbH) abgeschlossen.

Für die Aktivist*innen war hiermit der Kampf um die Rodung des Waldes verloren. Einige von ihnen verblieben im Wald. Sie bauen neue Baumhäuser und signalisieren durch Aktivitäten, dass nach wie vor mit ihnen zu rechnen ist.  Auch die örtlichen Bürgerinitiativen kündigen weiterhin Widerstand an, denn noch ist die A49 nicht gebaut. 

Schon am 30. Dezember hing ein weiteres Transparent über der Trasse im Herren-wald und wieder musste die Polizei feststellen, dass sie zu spät vor Ort war.

Im Rheinischen und Lausitzer Braunkohlerevier regt sich neuer, alter Widerstand. Es ist damit zu rechnen, dass die Klimaschutzbewegung und ihre Aktivist*innen zukünftig überall dort, wo massiv gegen den Klimaschutz verstoßen wird, da sein werden, antikapitalistisch, rebellisch und kreativ mit ihren erprobten und neuen Widerstandsformen, nicht nur im Dannenröder Forst, sondern weltweit.

»Ihr habt gedacht ihr könntet uns begraben, aber ihr wusstet nicht, wir waren Samen. Und diese Samen von jenen Bäumen werden in uns weiter blühen. Je mehr ihr uns schikaniert, desto stärker werden wir zurückkommen.                                                                   Unser Widerstand im Dannenröder Wald war erst der Anfang! «

Dieter Staubach im Februar 2021

*Alle in Kursivschrift gesetzte Zitate sind                                                                           von Aktivist*innen selber oder von ihren Transparenten.